Fulda – meine Stadt, „Passierschein A38“ oder „Neues vom Hauptmann von Köpenick“, Teil 2

Ich schaue meinen Bekannten mit der Frage an, wo wir denn hier gelandet sind und als ich aussteige, sehe ich vor mir ein sehr kleines Gebäude, was innerhalb der industriell erscheinenden Umgebung völlig Fehl am Platze wirkt.

Ein älterer Herr schließt nach dem Klingeln die Türe auf und ich stelle mich kurz vor. Mein Bekannter hatte bereits etwas Vorarbeit für mich geleistet. Er verabschiedet sich dann.

Ich betrete den Vorraum des Gebäudes, wo ich nun die Nacht verbringen soll. Es nennt sich „Städtisches Übernachtungsheim“. Alkohol und jegliche Drogen sind hier untersagt. So führt man mich in den fahl beleuchteten Räumen herum, zeigt mir auch jenen, wo ich dann die Nacht mit drei weiteren Menschen (aus Fulda) auf Stockbetten verbringen werde.

Ein schwerer Geruch von Übersäuerung, ungewaschenen Schweißfüßen, billigem Deodorant und Stockschimmel weigert sich beharrlich den Schlafraum verlassen zu wollen. Man sorgt für ein paar Decken, damit es in der Nacht nicht allzu kalt sein wird.

Der Waschraum präsentiert sich in Form eines durch Nutzung verwitterten und teilsweise defekten steinernen Sammelbeckens, wo aus den drei oder vier Anschlüssen lediglich kaltes Wasser die Hähne verlässt. Die Toilette, abgetrennt im selben Raum, zeigt sich in ihrer nostalgischen Ausrichtung und entsprechenden Nutzung.

Ich kann meine Tasche, Jacke und Handschuhe in einen freien Holzspind hängen, der sich mit anderen im Gemeinschaftsraum befindet.

In der Mitte des Raumes stehen zusammengerückt vier Holztische und darauf befindet sich in einer Anhäufung Lebensmittel. Drumherum Holzstühle.

Ich stelle mich den Menschen einzeln vor. Das habe ich so gelernt. Einen von Ihnen kenne ich vom Sehen, als ich in 2014 noch in der Nähe von Fulda lebte und ihn einmal in der Stadt sah. Wie sehr sich vom Leben gegerbte Gesichter doch einprägen. Drei der vier Menschen sind aus Fulda, der vierte kommt aus den „neuen Bundesländern“. Ich werde ihn am nächsten Tag in der Stadt noch einmal wiedersehen.

Mehr zufällig gibt an diesem Abend, noch etwas Kartoffelsalat und ein paar „Krakauer“ – man hätte es sonst zum Abfall gegeben. Ich freue mich darüber und bedanke mich sehr, auch als mir mein „bekannter“ Sitznachnachbar den Senf reicht. Ich sage ihm, das ich ihn vom Sehen her kenne.

Sein wesentlich jüngerer Sitznachbar wohl zwischen 40 und 50, scheint ein Vater zu sein, weil er kurz von „Kindern“ spricht.

Am TV läuft „Ruckzuck“, während der für die Unterkunft Verantwortliche mir einen heißen Pfefferminztee reicht – mich dafür bedankend. Eine fast gespenstisch anmutende Konzentration auf das „Flimmern“ des Bildschirms erfüllt den Raum, während der „junge Vater“ sein Handy bearbeitet.

Wohl so um kurz nach sieben ist „Arte-Zeit“, und der Fluß „Armur“ gibt sich die Ehre – weit weg von hier und jetzt.

Es sind liebe Menschen und sie sind reich in sich, wohl jedoch keinen Wert für jene Gesellschaft, die sich lieber hinter Hab und Gut und äußeren Werten zu verstecken versucht – verdrängt.

Um 20:15 Uhr wird der Fernseher, der vor einer gelblichen und mit dunkelbraunen Spritzern versehen Wand, zusammen mit einer Kochplatte, einem älteren Wasserkocher und einer Kaffeemaschine auf einem schmalen Holztisch steht, abgeschaltet.

Das Stromkabel wird in einem Ritual zusammengerollt und das Gerät mit einem nach einem Kopfkissenbezug aussehenden Tuch verhüllt. So mancher macht sich auf den Weg in jenes Zimmer, in dem auch ich die Nacht später verbringen werde.

Um 22:00 Uhr ist Nachtruhe angesagt und die anderen legen sich bereits jetzt hin. Denn morgen um sieben ist persönlicher Weckruf.

Noch einige Gedanken mit dem Verantwortlichen austauschend, gehe ich um kurz vor zehn zum Waschen in den „Waschraum“ und öffne kurz danach leise die Tür, wo bereits drei Fuldaer am Schlafen zu sein scheinen. Mein Platz zur Nachtruhe ist am Fenster im oberen Stockbett.

Den Platz über einen alten Schemel erklimmend, präsentiert sich weiterhin der Geruch aus Schweißfüßen, Deodorant, Stockschimmel und noch irgendetwas anderem.

Als ich noch im Gemeinschaftsraum saß wurde natürlich auch geraucht, was in dem Moment, wo ich nun im Bett liege, ein Segen zum herrschenden Geruchsmonopol darstellt. Nach einer Weile stellt sich der Sägebetrieb bei den Mitübernachtenden ein und hier und da das eine oder andere Wort aus einem dunklen Traum. Irgendwann schlafe ich ein.

Mein Handy hat in der Nacht gewütet und mich um sieben wach gemacht. Der Verantwortliche betritt den Raum und der Geruch von gestern scheint nur verschwunden zu sein.

Waschen und später den Kaffee im Gemeinschaftsraum genießend, entschließt sich der mir bekannt aussehende, sich schon einmal auf den Weg zu machen. Als ich frage, ob ich ihn begleiten könne, springt die Aufbruchstimmung auch auf die anderen über.

Ich verabschiede mich beim Verantwortlichen bedankend und mache mich mit den anderen auf den Weg.

Während sich ein kleiner Trupp aus dreien in eine andere Richtung begibt und der junge Vater vor hat mit dem zu Bus fahren, laufe ich in die Stadt.

Ich mag ja noch meine Geburtsurkunde für 15 Euro holen. Ich erhalte sie später von der eher zugeknöpften Frau an der Zentrale, einschließlich einer Quittung. Als ob diese eine Wertsteigerung bedeuten würde. Das Dokument ist mit einer Paraphe unterschrieben und trägt einen Adler mit 12 Federn, welches gefaltet nun in der Brusttasche verschwindet – zusammen mit der Quittung.

Ich gehe zunächst in ein Café, wo ich mitbekomme, dass es auch der Inhaberin zumindest finanziell nicht viel besser geht. Ich wünsche ihr, dass sie immer ein volles Café stets ihr eigenen nennen soll. Nach zwei sehr guten Milchkaffee begebe ich mich wieder auf den Weg nach draußen.

Mein Bekannter meldet sich per SMS und fragt, ob wir uns um 15:00 Uhr treffen und solange bin ich mit meiner Tasche unterwegs, die nicht für den Weg gepackt ist, sitze hier und beobachte da. Mich stört das nicht, da ich mich ja auch selbst entschlossen habe, auch dies kennen zu lernen.

Später treffe ich einen anderen Bekannten und wir tauschen uns kurz aus. Einen anderen rufe ich an, da ich auch mit ihm sprechen mag. Wir sehen uns alle also um 15:00 Uhr.

Mein Bekannter drückt mir zwei Zeitungsausschnitte in die Hand, wo sich die Caritas mit einhundert Jahren präsentiert und der Kirche ein Gesicht zu geben scheint. Mit rosa unterstrichen die Begriffe „von Mensch zu Mensch“, „Menschen in besondern Notlagen“ sowie: „Nach Erstunterbringung und Linderung akuter Notlagen, stehen jetzt Spracherwerb der Deutschland-Neulinge und Begleitung in die Integration und Aufbau neuer Lebensgrundlagen für diese Menschen im Vordergrund.

In meinem Falle als deutsch sprechender Mensch, eher ein Absurdum, während sich in einem Foto die „Befürworter“ auf Seite 15 der Fuldaer Zeitung am Mittwoch, des 1. Februars 2017 zur Schau stellen und beweihräuchern lassen.

Sichtlich verkauft man den Menschen in schönem Geschenkpapier einer heilen Welt etwas, was gesamt gesehen nur eine Mogelpackung darstellt.

„Der Schein trügt, wenn der Schein falsch ist.“ Dagobert Duck

An dieser Stelle führe ich mir die Gesichter jener Menschen vor Augen, mit denen ich die Nacht verbringen durfte.

Dies in einer Unterbringung, wo menschenwürdiges Wohnen ein Fremdwort zu sein scheint, und nicht nur die Caritas und die Stadt Fulda und ihre – nennen wir sie mal Volks- und Glaubensvertretern – Lichtjahre von einer real gelebten Mitmenschlichkeit entfernt unterwegs sind.

Ich denke, ich werde solange darüber berichten, bis sich hier sicht- und belegbar etwas für all jene Menschen verändert, die sich in unserer Gesellschaft in einer Art Schattenwelt bewegen.

Dann kommt mir wieder jenes Gespräch mit einem Pater in die Gedanken, der mir in meiner Lage nicht helfen konnte und sprach sinngemäß von Menschen mit „sicheren“ Leben, die bleiben und dann auch wieder gehen.

Dies alles, während der Haushalt der Stadt, laut „Bürgerbüro-TV“ wohl unbeanstandet die bürokratischen Entscheidungsprozesse erfolgreich überwunden hat.

Ob dies alles noch zu bejubeln ist, wenn ich dem Bischof geschrieben habe?

Denn es nutzt nichts, bekannte Gesichter zu zeigen, wenn das Handeln und die Ergebnisse sich anders darstellen.

Nachtrag: Für den „Express-Pass“, einer Form des Reisepasses, wollte man 91 Euro.“

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