Gedanken über das Denken

(V1.1) Kann man überhaupt eine neue (andere) Welt erschaffen, wenn das eine Welt erzeugende Denken nicht hinterfragt wird? Erst die Tage sah ich den Film „Arrival“. Es erscheinen zwölf muschelartige Raumschiffe auf der Erde. Hingegen gewohnter „Action“, wird der Zuschauer jedoch mit dem Thema „Denken und Kommunikation“ konfrontiert und wird Zeuge eines sich entwickelnden Dialogs zwischen Mensch und „Heptapod“ (Siebenfüßler) – ein Aufeinandertreffen von linearem und nicht-linearem Denken.

Sprache beeinflusst die Struktur – also die Vernetzung der Synapsen des Gehirns – Prozess des Infragestellens und Umdenkens.

„Die Sprache ist das Fundament der Zivilisation. Sie schweißt ein Volk zusammen. Sie ist die erste Waffe, die bei einem Konflikt zum Einsatz kommt.“ Arrival, 2016

Im Film wird ebenfalls die Art der Wahrnehmung von Zeit als nicht-linear dargestellt. Okay, das mag für den einen oder anderen etwas an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Es lässt sich aus meiner eigenen Erfahrung heraus greifbar so erklären: Im Jetzt sind in der Vergangenheit erlebte Sachverhalte – genauer: deren Bedeutung im Nachhinein veränderbar:

„Wie gut, dass Wandel sich stets nur auf Meinungen, Bedeutungen und Ansichten über die Wirklichkeit bezieht und nicht auf die Wirklichkeit selbst. So sprechen wir stets von Interpretationen und Weltanschauungen und nennen dies dann vollmundig „die Realität“.
Auf diese Weise erhält der Begriff „Weltanschauung“ einen nicht religiösen Charakter, dem man ihm sonst nachsagt.
Jene Annäherung an die Wirklichkeit ist der Prozess der Bewusstwerdung, der natürliche Lernprozess, den wir bisher gegen einen künstlichen ausgetauscht haben.
Daraus leiteten wir unsere künstlichen Konventionen ab. Jene, die uns irgendwann – weil wir daran festhalten zu glauben müssen – wieder Zeiten, wie dies erleben lassen.
Konventionen sind gesellschaftlich vereinbarte Denk- und Verhaltensmuster und die Regeln eines Systems, was wir in uns tragen, es so erschaffen und eine Zeit lang erhalten – bis wir es wieder in Frage stellen.“

So wie wir die Bedeutung einer erlebten Situation verändern können, besteht jederzeit auch die Möglichkeit, im Jetzt die eigene Sichtweise über aktuelle Dinge zu verändern, um so entsprechend auch eine andere „Zukunft“ zu initiieren – Umdenken (Invertieren und nicht einfach Negieren).

Dabei ist es bspw. von Bedeutung zu erkennen, dass „gegen Krieg“ zu sein nicht ausreichend ist, da es für den übergelagerten Mechanismus „Aufmerksamkeit“ gleich ist, ob man „dafür“ oder „dagegen“ ist. Es bedarf also eines Umdenkprozesses, der sowohl auf einer Entscheidung (Willens- und Absichtserklärung) plus damit verbundenem Handeln aufbaut.

Erst vor Kurzem erhielt eine Bekannte ein „vollmundiges“ Schreiben eines Oberbürgermeisters, während sich die Realität in der Behörde dann als gegenteilig herausstellte. Die Organisation ist in sich unglaubwürdig, weil sie nicht funktioniert.

„Wahrheit ist das, was funktioniert.“ Ernst von Glasersfeld

Deshalb heißt es so schön: „Am Tun werdet ihr sie erkennen.“

Neulich berichtete mir ein Bekannter von einem anderen Menschen, der zu den gleichen Erkenntnissen gelangt ist, wie ich. Als ich mich im Netz umschaute, war davon allerdings nichts zu finden, sondern lediglich das gewohnte Rechtsthema.
Es nutzt wenig, „intern“ Erkenntnisse entwickelt zu haben, wenn im Außen lediglich den Konventionen nachgegangen wird – vielleicht um den Vorstellungen der gewohnten Masse entsprechen zu wollen?

„Tun = zeigen = dazu stehen.“

Zum Thema „Zeit“ fällt mir gerade ein: Zeit ist ein Ergebnis, abhängig von der Wirksamkeit einer Struktur ist – hat also im Wesentlichen mit Organisation zu tun. So ist Zeit als Verzögerung (ein Ergebnis) eines Ursache-Wirkungsprozess erfahrbar.

Wenn ein Mensch keine Zeit hat, dann ist es in der Regel ein Problem mit seiner gelebten Organisation – beginnend im Kopf. An dieser Stelle liegt die Entscheidung bei ihm selbst, ob er Herr seiner Organisation ist oder das Opfer, was bspw. dem nächsten Termin hinterher rennt.

In einem Unternehmen geht das so weit, dass man sich in einer kollektiven Selbsthaltung und Selbstunterwerfung zur Organisation bewegt, also ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den organisatorischen Unsäglichkeiten an den Tag legt. Nicht selten wird dann nach gewohnter Problem-Lösungsmanier nach einem Schuldigen gesucht, was zusätzlichen Druck erzeugt. So am Rande.

Das ließ mich nochmals über die beiden mir bekannten Denkweisen nachdenken, die man mit der „Wahrnehmung einer Welt der Dinge und Teile und scheinbar unabhängig voneinander existierender Probleme“ beschreiben kann – wobei auftretende Probleme, kollektiv vereinbart, symptomhaft behandelt werden. Auf der anderen Seiten die Art der „Wahrnehmung einer Welt, als komplex vernetzter Sachverhalte und Wechselwirkungen“ – nicht-lineares Denken und über eine gewohnte Fachdisziplin hinausgehend.

Das mehrheitlich gewohnte „Problem-Lösungskonzept“ ist in der Regel nur ein Handlungsmittel, auftretende Symptome mit Hilfe damit verbundenem Fachwissen bekämpfen zu wollen. Die eigentlichen Ursachen bleiben in der Regel unbetrachtet, da sie sich außerhalb der gewohnten Fachorientierung bewegen. Das liegt daran, dass mehrheitlich komplexes Denken nicht gelernt, bzw. nicht gelehrt wurde.

Die Art komplex zu denken und zu kommunizieren, wird in der Regel vom gewohnten Denker als „kompliziert“ wahrgenommen und empfunden, da er nicht selten gewohnt ist, bei einem dargestellten Problemsachverhalt den Verursacher schnell und einfach ausfindig machen zu wollen.
Im Dialog ist er damit beschäftigt, die Begriffe aufzuschnappen und mit seiner Bedeutung zu belegen, während der Gesamtsinn, der sich aus den Zusammenhängen heraus ergibt übersehen wird oder wegen Überforderung erst gar nicht zustande kommt. Erlebtes.

Zudem bekommt eine große Mehrheit bekannter Begriffe einen anderen Bedeutungsinhalt, als sie gewohnt zur Anwendung kommen. Ein Beispiel:

„Ich finde es vernünftig, wenn ich viel Geld auf dem Konto habe.“

„Vernunft ist der intuitiv getriggerte Prozess zwischen bedingungslosem Geben und bedingungslosem Empfangen. An dieser Stelle findet sich der eigentliche Hort gesellschaftlich vermisster Gerechtigkeit.“

In einer vom Menschen geschaffenen, komplexen Welt gesellschaftlich-ökologisch-ökonomische Belange mit gewohnter Denke und Symptombehandlung „der Lage Herr werden“ zu wollen, führt zu weiterer Zunahme der Komplexität jener Struktur, mit der wir es aktuell zu tun haben – und ohne umzudenken mit nur einem Ausgang.

Einem geschaffenen, komplexen Sachverhalt begegnet man mit einer komplexen Denkweise, um im Nachgang ein „einfaches“ Lösungsmuster „herausfiltern“ zu können, was wiederum vom gewohnten Denker im Ergebnis erfasst werden kann.

„Du musst die Texte allgemeinverständlicher schreiben.“ „Wenn ich den Text allgemeinverständlicher schreibe, werden aus den sechs Seiten wahrscheinlich zwanzig Seiten. Würdest du ihn dann lesen?“ „Zwanzig Seiten? Dafür habe ich keine Zeit.“

Vom gewohnten Denker wird „einfach“ mit „geringe Menge und seinem Geist entsprechend formuliert“ definiert, wo hingegen beim komplexen Denken, „einfach“ als eine höhere Ordnung (höhere Informationsdichte) verstanden wird. Also statt drei Sätzen zur Beschreibung eines Sachverhaltens, möglicherweise ein Fachbegriff  benutzt wird, um beim Formulieren entsprechend Zeit zu sparen – wobei wir wieder bei Organisation und Wirksamkeit angekommen sind.

„Das ist etwas, wo man darauf sitzen und seinen Rücken anlehnen kann (Funktionsbeschreibung).“ „Also ein Stuhl.“

Ein anderer würde vielleicht fragen: „Was ist denn ’sitzen‘?“

Wie würde man bspw. kommunizieren, wenn es das Konzept der Frage nicht gäbe? Wohin soll das also führen?

Zurück zum Thema. Nicht-lineare Sachverhalte lassen sich nur schwerlich in einem linearen Medium, wie zum Beispiel hier mit „Word“ „einfach“ hintereinander darstellen.

So wäre eine neue Form von Textverarbeitung, also eine Kombination aus 3D-Mindmap und Textprogramm sinnvoll. Das wiederum würde dem Leser derartiger Dokumente dennoch einen Umdenkprozess abfordern, um den Sinn eines solchen Gebildes zu erfassen. Im Film „Arrival“ wird von „nicht-linearer Orthografie“ gesprochen. Aus diesem Grund sind die Sätze auch gelegentlich lang.

„Sagen wir, ich bringe ihnen Schach, statt unsere Sprache bei. Jede Unterhaltung wäre ein Spiel, jede Idee wäre konkurrenzbelastet. Niederlage, Sieg. Sehen sie nicht die Problematik?“ Arrival, 2016

Man sieht: Wahrlich eine Herausforderung.

P.S. „Arrival“ ist echt empfehlenswert.

Jóhann Jóhansson: Heptapod B

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