Über das Höhlengleichnis

Da stolperte ich neulich im Netz über die Frage: „Sind wir Höhlenmenschen?“

Führt man sich das Gleichnis vor Augen, gestaltet sich das gewohnte Leben tatsächlich als eines in einer Höhle – nicht in einer materiellen, mehr in einer geistigen Art und Weise.

Das Ganze ist vor allem selbstgemacht und hat sich über die Jahrtausende hinweg, als etwas vollkommen „Normales“ etabliert.

„Das war ja schon immer so.“

In der Vorstellung, dass was da so wuselt, sich bewegt, dass dies bereits das Leben sei, kennt eine große Mehrheit das Leben als eine Art K(r)ampf, wo es darum geht, Hab und Gut anzusammeln, zu sichern und zu verteidigen.

„Holger, der Kampf geht weiter.“ Rudi Dutschke

Was die Schatten an der Wand ausmacht, sind es lediglich schemenhafte Gebilde (Worthülsen) von jenen Menschen und ihre Werten, die sie als äußerliche Gutmenschen erscheinen lassen, während es in der Regel im Inneren um sie eher – selbstgemacht – trostlos bestellt ist.
Das ist jedoch nichts „Schlimmes“ oder gar ein Zeichen bisher vergeblicher Liebesmüh. Die Arbeit fängt ja jetzt erst an.

Denn ist es an der Zeit, den ersten Schritt aus der Höhle (Hülle, Hölle) zu wagen, um sich als Mensch mit inneren Werten zu etablieren und so die bisherigen Worthülsen, wie Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Liebe, Demokratie, Vernunft etc. tatsächlich mit Leben zu erfüllen – selbst zu erfüllen und in sich zu verinnerlichen.
Verinnerlicht ist es dann, wenn es zu einer Verhaltensveränderung führt, sich also im Tun zum Ausdruck bringt und das „so tun also ob“ dabei überwindet.

Nicht nur in diesen Zeiten hat es Menschen gegeben, die sich aus der Höhle gesellschaftlicher Vereinbarungen, Methoden und Regelwerken herauswagten, um von dort aus eine Reinschau und damit verbunden eine Infragestellung (Inquisition) des Systems und darüber hinaus überhaupt einen Vergleich zwischen gewohnter Höhlenmalerei (Vorstellung) über die Welt und „das da draußen“ anzustellen.
Damit ist es jedoch nicht getan, vielmehr offenbart sich die Erkenntnis, dass das Alte seine Richtigkeit hatte, um zu lernen, wie es nicht funktioniert.
Und erst mit Hilfe des Alten in Verbindung mit der neuen Sichtweise, findet ein bewusster Entwicklungprozess statt, da man den Blick in der jeweiligen Situation auf Beides hat.

Dabei tritt klar zu Tage, dass der Mensch in seinem aktuellen Stadium mehr einen Krug gefüllt mit Wasser darstellt, während er auf dem Etikett (außen) schon einen guten Wein bewirbt. Tatsächlich geht es darum „das Wasser“ nicht wegzuschütten, sondern „in Wein“ zu verwandeln.

Das ist die eigentliche Aufgabe des Menschen, der dies wohl bereits lange aus den Augen verloren hat – besser ausgedrückt, mehrheitlich bisher kaum darüber nachgedacht hat. Das lag freilich am belohnten Nichtnachdenken wollen/sollen.

Lieber machte man sich Gedanken, den Genüssen und des Komfortverbleibs zu frönen und alles, was mit Veränderung dieses Zustandes in Verbindung stand, zu vermeiden. In der Regel entwickelte sich dieses Verhalten aus einer Bestrafung fürs Weiterdenken heraus – einmal praxisnah erlebt und dann alles dauerhaft verdrängt, ignoriert und ausgegrenzt.

Damit das nicht ins Gewicht später viel, nickte man zwar zustimmend im Außen, während sich im Inneren eine eigene „Wahrheit über die Dinge“ entwickelte – Erlebtes.

Die Verlustangst vor Veränderung ist ein rückwärtsgewandtes, also immer eine Generation vorher wirkendes Verhalten, was auf die junge Generation übertragen wird – besser: werden soll-

Mutter (symbolisch): „Du bist solange gut, solange mir das gefällt.“

Vater (akustisch): „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, machst du was ich will.“

Eltern (vorwurfsvoll): „Wir wollen, dass ihr es mal besser habt.“

Bringt man letztere Aussage in den direkten Zusammenhang, also: „Wir wollen, dass ihr es mal besser habt, wenn ihr so seid, wie uns das gefällt“, ist die Absurdität der Gesellschaft und des Systems klar erkennbar und der „artige“ Mensch bewegt sich fortan in einem inneren Zwiespalt zwischen belohnter Fremdbestimmung (künstlich) oder bestrafter Selbstentwicklung (natürlich).

Was diese „Verträge“ recht schnell zum Platzen bringt, brauche ich sicher nicht näher zu erläutern. Nicht nur dass es sich hier um Einzelfälle handelt. In der Schule gibt es gute Noten für bildungs- und systemgerechtes Verhalten und später im Beruf (besser: Job) nennt man das dann „Lohn“, was wohl von Lehn kommt.

„Mach‘ doch, was ich will!“

Systemisches Verhalten, was man auch ersteinmal bei sich schrittweise zu erkennen hat (als Hilfe dient dazu das Außen (Materie)), beruht darauf, sich gegen mögliche Veränderungen abzuschirmen zu wollen. Die durch Ausgrenzung und Stigmatisierung, wenn es um Informationen geht, die nicht gewohnt(!) vorteilhafter „Natur“ entsprechen, also zu Gewinn oder Erhalt des Bestehenden im Außen beitragen.

Derartige Informationen, die den Menschen in seinem Wesen selbst betreffen, werden in der Regel im Alten als Worthülsen gehandhabt oder schlichtweg als „schöne Philosophie“ abgetan.

Spätestens an dieser Stelle kann man sich vor Augen führen, dass eine große Mehrheit wie „leere Lohntüten“ unterwegs ist, während sie nach Freiheit, Menschenrechten und gesellschaftlichen Werten schreien, jedoch im eigentlichen Sinne anch Schutz und Sicherheit (ihres Hab und Dutes) trachten.

Wenn das Haben, das Absichern und Verteidigen im Außen mehr Wert hat, als der innere Wert des Menschen, ist auch die damit verbundene Verlustangst verständlich und somit auch der Eindruck, dass Materie, statt zur Entwicklung zur Abgrenzung herangezogen wird: Abgrenzung gegen Veränderung.

An dieser Stelle ist so etwas wie eine dünne Membran, die sich auf der geistigen Ebene befindet und die Braven weiter brav sein lässt und bei den belohnten Hörigen der mahnende Finger genügt, sich „bereitwillig“ zurückzuziehen.

Hat man selbst erst einmal erkannt und begriffen, worum es wirklich geht, beginnt man über das Erkannte zu reden, zu schreiben und sich dazu zu äußern.
Und wie es so geht, wird es mit jedem Thema: Recht -> Verantwortung -> System -> Konditionierungen -> Ich -> Umdenken und Befreiung durch sich selbst, zunehmend ruhiger im Umfeld.

Das muss wohl so sein und ist ein Zeichen dafür, dass es so etwas wie ein kollektiv gleichgeschaltetes „Wachwerden“ nicht gibt, wie dies sich früher so mancher erhoffte – wohl auch, um nicht das Gefühl zu haben, sich „alleine“ fühlen zu müssen.
Das tut nur das klassische „Ich“, weil es nicht erfüllt ist und sich im Außen nach Liebe, Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit sehnt und Angst vor Ausgrenzung hat.

Hat man erst einmal die den Ausgang aus der Höhle gewagt, so wird einem selbst klar, was alles vorher unter dem Fokus der Fremdbestimmung nur ein leeres Leben darstellte und es um Menschwerdung und Entwicklung geht und sich auf diesen „neuen“ Grundfesten eine Neue Zeit entwickelt – was nicht bedeutet nichts zu haben. Es kommt von selbst zu einem.

Dem Menschen in der Höhle kann man zwar davon berichten, jedoch liegt es an ihm, sich selbst auf den Weg machen, „die Welt da draußen“ zu schauen und erfahren zu wollen.

Was das Gute an diesem Text ist? Ich bin wieder mal ohne Paragraphen ausgekommen. Und die „schöne Philosophie“ bekommt eine praxisorientierte Note, die dem Menschen sehr nahe geht – und nicht „woanders“.

Musikalische Untermalung: „Ideal of Hope“, Man of Steel, Hans Zimmer

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