Das große Schweigen

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(v1.2) Es ist immer wieder interessant, wie sich Menschen unter vier Augen – also privat – verhalten und mitunter so manches Thema zu kritisieren wissen, während sie sich im offenen Raum an das Verhalten der Öffentlichkeit anpassen: Wahrung des Scheins zur Aufrechterhaltung der eigenen Existenz.
Ein bisschen Jammern darf ja sein… solange das Verhältnis zu den „wohlwollenden Vorgesetzten“ nicht gefährdet wird.

Vorgegebene Themen stellen die Masse auf ein orchestriertes Verhalten ein. Themen, denen sie sich dann mitunter leidenschaftlich hingibt, während der Blick auf das System – in dem das alles stattfindet – weiterhin getrübt ist. Besser: Es wird nicht erkannt, da es damit auch die Denk- und Verhaltensmuster des Einzelnen betrifft, durch die er an das System der alten Ordnung andockt.

Es handelt sich vordringlich um einen mentalen Vorgang, wo kein andere als der Einzelne, sich im Wege stehen kann – selbst wenn er noch so viele andere zu erkennen meint, „die erst mal weg müssten“.

Im Kern mag niemand wirklich der „Erste“ sein, da hinter der Grenze des Systems das Nichts vermutet wird, eben weil man von der Alternativlosigkeit des Jetzigen ausgeht und deswegen auch viele so ernst dreinblicken.
Im Grunde ist es mit dem Wandel und seinem Moment der Erkenntnis wie beim Sterben: Da ist jeder der Erste.

„Lieber reich ins Heim, als heim ins Reich.“ (sinngemäß)

Wer weiß schon, dass die „Öffentlichkeit“ eine eigene Persönlichkeit – besser: eine Wesenheit ist, die dann „zuschlägt“, wenn der einzelne Abtrünnige es wagt, den Mund in der Öffentlichkeit gegen die Konventionen, den wohlwollenden Herren und ihren belohnten Untergebenen aufzumachen?

Das meint Orwell, wenn er vom „großen Bruder“ spricht. Und wissen Sie was? Selbst die Franzosen bekommen es im Kino gezeigt.

„Jeder sollte das wenigstens einmal im Leben sehen. Die Menge, wie sie johlt, denjenigen beschimpft, ihn beleidigt, lautstark seinen Kopf fordert. Den Kopf und die Schuhe. Bei Marie Antoinette waren sie davon besessen. Alle wollte sie ihre Schuhe haben. Sie richten eine Königin hin und denken dabei an ihre eigene Füße. Es ist ein schwerwiegender Fehler, das Volk mit der Masse zu verwechseln. Das Volk ist nämlich der Souverän. Das ist die größte Errungenschaft der Revolution, aber die Masse ist ein wildes Tier, was ernährt werden will, manipuliert, beherrscht. Ich habe von dieser Terrasse aus dutzende von Köpfen rollen sehen, Vidocq. Royalisten, Orelonisten, Jakobiner, Gerandisten. Aber das Publikum hat immer dasselbe geschrien. Niemand hat Gnade gefordert. Sie wollten alle nur Blut sehen.“
„Wir verdanken es dem Kaiserreich, dass das Chaos wieder beendet wurde und das wieder Ordnung herrscht. Wir müssen es also stärken.“
„Glauben sie wirklich?“ Dialog zwischen Eugène-François Vidocq und Joseph Fouché (Polizeiminister), Vidocq, L’Empereur de Paris, 2018

Es nutzt nichts, sich hinter einer anonymen Masse zu verstecken, die nur gemeinsam stark erscheint, wie ein röhrender Schwarm wild gewordener Hirsche, während man gleichzeitig der Meinung ist, dass der Einzelne ja schwach sei.

„Gemeinsam sind wir stark!“ „Das bedeutet, dass der Einzelne nichts ist. Doch was entsteht, wenn viel Nichts zusammenkommt? Nichts.“

Andere versuchen im offenen Raum – hinter Spitznamen und Masken getarnt – ihrem Frust Luft zu verschaffen oder üben sich in der Satire.

Da ist man schnell „mit dem Latein am Ende“, wenn man es in der Schule überhaupt hatte. Ich habe das oft genug selbst erlebt und doch ist es nur der Anfang vom Weitermachen und sich weiterentwickeln, indem man das Bisherige Vorgehen in Frage stellt, statt es nach dem Prinzip „vom mehr des Selben“ zu wiederholen.

„Man wird nur schlauer, wenn man gegen schlauer Gegner spielt.“ Schachgrundlagen, 1883

Es ist stets die Art der Fragestellung, aus der sich die Antwort ergibt. Und an der Frage kann man bereits den Geist erkennen: „Was willst DU denn DAGEGEN tun?“

„Das ist ein Rätsel. Über zwei Brüder. Der eine lügt immer. Der andere sagt immer die Wahrheit. Sie treffen beide an einer Straßenkreuzung und fragen, wie man in die Stadt kommt. Die Antwort ist: Sie fragen den einen, welchen Weg der andere Bruder ihnen vorschlagen würde, und nehmen dann den entgegengesetzten.“ „Joshua Mansky“, The Coldest Game, 2019

Das Leben und seine Möglichkeiten ist eine wahrhaftige Herausforderung, was sich im Prozess der Infragestellung mehr und mehr zeigt, während man gleichzeitig auch das aus den gewohnten Denk- und Verhaltensmustern geschaffene, künstliche System (die Simulation des Lebens) erkennen kann. In der Wechselwirkung beider gegenseitig zueinander invertierter Systeme, findet der Entwicklungsprozess statt.

Wer das alles immer nur von Arbeit, Geld und seinen Besitztümern abhängig macht, begibt sich in die eigene Gefangenschaft – weil gewohnt „normal“.

Das wird einem natürlich keiner „aufs Brot schmieren“, nicht einmal die eigenen Eltern, da die in der Regel selbst etwas zu verlieren haben.

„Zu Beginn schweigt man, weil man gehorcht. Dann schweigt man, damit man was „wird“, und am Ende schweigt man, damit man das Erreichte behält.“

Sicher habe ich mit meinem Geschwätz leicht reden, verfüge ich nicht mehr über all jene „Dinge“, die man sonst sein „Eigen“ nennt und somit auch nichts zu verlieren, was im Wesentlichen mit einer veränderten Grundhaltung zu tun hat.

Letztlich ist es eine reine Kopfsache und der Infragestellung der eigenen Denk- und Verhaltensmuster, mithilfe des dargebotenen Alltags und seiner Szenarien.

Denn solange man glaubt, dass einem etwas oder jemand gehören würde, solange kann man es auch verlieren und ist offen für mannigfaltige Beeinflussungen.

„An dem Tag, an dem man erkennt, dass einem nichts gehört, ist auch der Tag, an dem man nichts mehr verliert.“

„Corona“ weißt indirekt auf diesen Sachverhalt hin, weil einem letztlich das Leben auch nicht gehört.

„Eigentum“ ist eben nur eine Erfindung, ein Phänomen jenes Menschen, der von der Entwicklung des Seins, in eine Entwicklung des Habens durch gewohnte „Erziehung“ umgelenkt wurde.

Nachtrag: Das Finanzamt in Ihrer Stadt bietet jetzt offiziell einen Corona-Spucktest vor dem Gebäude an.

Vor dem Kaufladen. „Sie müssen einen PCR-Test machen!“ „Also PCR-Test mache ich nicht, aber über eine Stuhlprobe können wir gerne diskutieren.“