Entschleiernd

- Lesezeit: ca. 10 Minuten

(v1.2*) Im Grunde wirkt ja alles sehr nett gemeint. Es wurde sogar gelernt, vor der Bevölkerung nicht einfach den Diktator heraushängen zu lassen. Das Szenario zwischen 1933 und 1945 lässt sich im Nachgang missbrauchen: Man inszeniert zunächst etwas ganz Schlimmes, um später dann den „sanften Wahnsinn“ als gewöhnlichen Alltag verkaufen zu können.

Das funktioniert nur deswegen, weil sich der Bürger – nenne ich ihn mal so – vom „Bürger“ der letzten paar tausend Jahre in seinen Wesenszügen familiärer Entwicklung nicht wirklich unterscheidet. Eben jene Denk- und Verhaltensweisen, die ihn gehorsamsbereit sein lassen – der Grundstock für alle Herrschaftssysteme.

Der Gewohnte kann den Unterschied zwischen hinhören und gehorchen nicht wirklich unterscheiden, da er im Rahmen eines Umdenkens, sich von den Werkzeugen der Macht zu sehr beeindrucken lässt, zu denen unter anderem wohlwollend überlassene Privilegien gehören.

Wer sich schon mal mit dem Milgram-Experiment auseinandergesetzt hat, wird den Zusammenhang zwischen gewohnter Erziehung zur Gehorsamsbereitschaft und der aktuellen Situation recht schnell erkennen.

„Wir müssen sorgsam sein und Abstands- und Hygieneregeln befolgen. Um die Sicherheit für die Bevölkerung zu gewährleisten, haben wir ein System zur Kontaktnachverfolgung aufgebaut, um Infektionsketten schnellstmöglich zu unterbrechen…
Für all diejenigen, die ihrer Eigenverantwortung nicht gerecht werden, halten wir als letztes Mittel Sanktionen bereit. Mit den Lockerungen, die wir uns alle wünschen, geht besondere Verantwortung auf jeden Einzelnen von uns über. Mehr Freiheit bedeutet auch mehr Verantwortung für alle., lautet es im aktuellen CDU-Newsletter.

Die Frage ist zunächst: Wer sind „wir“ und „uns“? Im Weiteren fehlen die entsprechenden Rechtsgrundlagen, irgendwelche Sanktionen durchzusetzen.
Erst vor kurzem wurde Polizeibediensteten in einem Fall von „Ohne Maske im Laden“ das Fehlen entsprechender Rechtsgrundlagen nachgewiesen, was dazu führte, dass jene Bediensteten dann für den Betroffenen einkaufen gingen. Ich habe da noch eine Einkaufsliste, fällt mir gerade ein.

Die tatsächliche Grundlage für das Handeln erklärt sich recht einfach:

„Das Recht ist fragwürdig, die Macht ist unverkennbar und fraglos. So konnte man die Macht nicht mit dem Recht verleihen, weil die Macht dem Recht widersprach und behauptete, es sei ungerecht und sie wäre es, die das Recht sei. Und da man nicht machen konnte, daß das, was recht ist, mächtig sei, macht man das, was mächtig ist, zum Recht.“ (Blaise Pascal, 1623-1662, Fragment Nr.298) Zitat aus „Der verborgene Pascal“ von Theophil Spoerri, Seite 132)

Nicht nur dass der Ausdruck, „die ihrer Eigenverantwortung nicht gerecht werden“ nur eine freundliche Umschreibung für „Gehorsam“ darstellt, kann Verantwortung nicht auf den Bürger übertragen werden, da er sie nie abgegeben hat, selbst wenn der Bürger durch den Akt der Wahl der Meinung war, andere dazu auserkoren zu haben, die Verantwortung für ihn zu tragen. Die Beziehung zwischen wählenden Untergebenen und gewählten Vorgesetzten, ist eine der Natur entgegenstehende Beziehung.

Dass sich die Politik innerhalb ihres Handlungsrahmens des positiven Rechts (Rechtsfiktion; vom Menschen erdachte Gesetze) selbst einen Freibrief der Unverantwortlichkeit zugesteht, kann hier nachgelesen werden: Parteiengesetz §37 (Nichtanwendbarkeit einer Vorschrift des Bürgerlichen Gesetzbuchs): § 54 Satz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuchs wird bei Parteien nicht angewandt.

Dazu § 54 BGB (Nicht rechtsfähige Vereine), Abs. 2:
Aus einem Rechtsgeschäft, das im Namen eines solchen Vereins* einem Dritten** gegenüber vorgenommen wird, haftet der Handelnde persönlich; handeln mehrere, so haften sie als Gesamtschuldner.

* Partei, **Wähler

Das sagt, dass die sympathisch lächelnden Vorgesetzten für ihr Handeln keine Verantwortung tragen und im Akt der Wahl auch keine Verantwortung auf sie übertragen werden kann. Sowohl Wähler und Gewählte leben in einer Illusion aus gelebter Verantwortungslosigkeit, siehe hinweisend: GG 38 Abs. 1, Satz 2:

„Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“

Die Absicht, die Verantwortung künstlich auszuhebeln, besteht darin, sich aus dem natürlichen Entwicklungsprozess verabschieden zu wollen, der mit der Verantwortung unabdingbar einhergeht.

Die Aussage, dass „Freiheit auch mehr Verantwortung für alle“ bedeutet, ist allgemeingültig. Die Frage ist dabei, wie „Freiheit“ definiert wird.

Freiheit, die gern mit „Freiheiten“ und „Freizügigkeiten“ verwechselt wird, während man sich gegenseitig und selbst den wesentlichen Sinn der Freiheit und den „Ort“, wo man sie findet, vorenthält.

In den letzten vierzig Jahren hieß es auf die Frage, was „Freiheit“ sei, dass man alles tun könne, was keinem anderen schade. Überlege man einfach mal, was so alles produziert wird, was dem Menschen schadet – noch mehr, was der Natur schadet. So am Rande.

Freiheit bedarf also einer tiefergehenden Betrachtung.

Was die vermittelte Glaubhaftigkeit von Informationen angeht, scheinen sich die Herrschaften nicht einer Meinung zu sein.

„… Der Präsident von Tansania, John Magufuli, behauptet, dass Coronatests bei einer Papaya und einer Ziege positiv gewesen seien. Man habe bei dem Tier und der Frucht Proben entnommen, menschliche Namen auf die Proben geschrieben und sie in ein Labor geschickt. Auf die Papaya-Probe habe man „Elizabeth Ane, 26, weiblich“ geschrieben, damit das Labor nicht misstrauisch wird. „Sollen jetzt alle Papayas in Isolation?“, fragte der Präsident provokant. …“ ZDF, 09.05.2020

„Sehen sie, wenn die Spitze eines hierarchischen Systems sich nicht mehr in Übereinstimmung befindet, wenn die Autoritäten sich streiten, gibt es keinen unbedingten Gehorsam mehr.“ „Prof. David Naggara“, I wie Ikarus, 1979

Das bedeutet, die Illusion löst sich in Wohlgefallen auf, und beide Seiten finden sich in der Realität ihrer eigenen Verantwortung wieder.

Je weiter sich die aktuelle Situation zuspitzt, um so süßer und warmer werden die Worte der erkorenen Verkünder. Man füttert die Gläubigen mit einfachen Worten, um ihrem Geist keine allzu schwere Denkarbeit auflasten zu wollen.
Auf diese Weise wird den Gläubigen der Gehorsam sehr leicht gemacht, da sie nichts weiter tun müssen, als so zu bleiben, wie sie sind:

„Die einen werden die Opfer verhaften. Sie haben nur den Befehl ausgeführt, jemanden festzunehmen. Andere verantworten den Transport in die Lager. Und dabei haben sie nur ihren Beruf als Lokomotivführer ausgeführt. Und der Lagerkommandant, der die Pforte hinter den Opfern zuschlägt, tut seine Pflicht wie ein gewöhnlichen Gefängnisdirektor. Natürlich werden die Mörder und Henker am Ende der Kette besonders ausgesucht. Aber den einzelnen Gliedern der Kette macht man den Gehorsam so einfach wie möglich.“ „Prof. David Naggara“, I wie Ikarus, 1979

Das Recht wird bei allem nur vorgeschoben, um dem Gewissen der Verkünder, der Sprecher sowie der Verwalter und Ausführer und jenen auf die es angewendet wird „ein Schnippchen schlagen“ zu wollen, denn: Es steht ja da geschrieben. Und damit wird das Gewissen beruhigt.

Und wenn gar nichts mehr geht, so greift man zu diesem Konzept:

„Die Situation einer glaubhaften Abstreitbarkeit (auch glaubhafte Bestreitbarkeit; englisch plausible deniability) liegt vor, wenn eine Person oder eine Organisationseinheit ein Mitwissen bzw. eine Mitwirkung an moralisch verwerflichen oder strafbaren Vorgängen innerhalb ihres Einflussbereichs überzeugend dementieren kann und ihr somit keine Verantwortlichkeit nachgewiesen werden kann, unabhängig vom tatsächlichen Wahrheitsgehalt dieses Dementis.“ Wikipedia

Das Wesen der alten Ordnung, was sich im Kern durch eine konservative (rückwärts gerichtet, beibehaltende) Haltung zum Ausdruck bringt, wo „fleißig sein“ deswegen gern toleriert wird, da es dem „artigen an die Arbeit gehen“ gleichkommt, weil es dafür auch „Flocken“ gibt – also mit Zahlen bedrucktem Papier oder „Sichteinlagen“ auf dem Konto.

Die geistige Corona-Pandemie zeigt, wie sehr eine Bevölkerung von ihren Denkweisen beeinflusst ist, die von ihren erkorenen Vorgesetzten ab und zu mal angetriggert/angestubst werden kann, um sie – gehorsamsbereit – in die Richtung zu bewegen.

Dies, während beide ein Rollenspiel zum Besten geben, was sie für die einzige Realität zu halten meinen, an dem so viele Illusionen geknüpft zu sein scheinen, im Irrglauben etwas zu verlieren, was jedoch nie jemandem gehörte – ob dies nun eine Sache oder ein Mensch sei.

Nachtrag: Es ist vollkommen egal, wie sich ein Staat nennt, solange die Organisationsstruktur aus einer hierarchischen Ordnung besteht. Da ist es auch vollkommen Wurst, ob sie sich als Diktatur präsentiert oder als repräsentative Demokratie, solange es Untergebene und Vorgesetzte gibt. Offensichtliche Diktaturen bieten den Vorteil, dass man immer mit dem Zeigefinger darauf zeigen kann, während der eigene „Puff“, in dem man lebt, zum Glück nicht so sei.