Kurzgedanken zum Verständnis und Gestalten von Systemen

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(v1.1) Vorgestern kam der Gedanke, das eine oder andere darüber nochmals kurz darzulegen.

1. Während sich die einen noch dem mehr oder weniger stummen Protesten hingeben, um so ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen, reichen diese letztlich nicht, wenn nicht damit begonnen wird, beklagte Abhängigkeiten und Unzulänglichkeiten durch schrittweise Infragestellung daraus eine echte Alternative zu entwickeln und sich vermehrt hin zu wirksamen Strukturen zu organisieren (was nichts mit dem üblichen Sammeln zum kollektiven Herumjammern (auch genannt: Demonstrieren) zu tun hat).

2. Die Art und Weise wie zusammengearbeitet wird, spielt letztlich die wesentliche Rolle. Denn so, wie sie mir in der Vergangenheit mitunter begegnet ist, funktioniert sie nicht, wenn jeder überall mitzureden meinte, während er selbst keinen praktischen Beitrag leistete.
Mitreden ist nicht mitgestalten, sondern nur der Versuch der Einflussnahme, ohne selbst Verantwortung zu tragen.

„Wir geben dir doch die 300 Euro, damit du das machst, was wir wollen.“ „Wenn ihr schon wisst, was ihr wollt, dann könnt ihr es doch auch selbst machen und euch das Geld sparen.“ Stattgefundener Dialog

3. Für den gewohnten Denker ist es schwierig zwischen „auf Augenhöhe“ (Primus inter pares) und „per order di Mufti“ zu unterscheiden, weil er in der Regel durch die gesellschaftlich anerzogene Gehorsamsbereitschaft beeinflusst, sehr oft eine Bevormundung zu erkennen meint, wenn er etwas erfährt, was nicht in sein gewohntes, anerzogenes „Verhaltensbild“ hineinpasst.

4. So etwas wie Unabhängigkeit gibt es nicht, allein weil der Mensch ständig am Wesen der Welt mitgestaltet – nämlich durch seine Denk- und Verhaltensmuster, die ihn zu einem mehr oder weniger wirksamen Teil des Systems (hier: die alte Ordnung) werden lassen – gleich wie viel Gegenteiliges er darüber zu sich selbst zu äußern meint.

5. Das Wahre und die Täuschung stehen in ständiger Wechselwirkung zueinander und bestätigen sich durch ihre gegenseitige Infragestellung.
Das eine ergibt durch Infragestellung das andere, durch jeweilige Invertierung. Wahrheit ist dabei das, was zwischen beiden stattfindet: Entwicklung und Veränderung.

„It’s true, but not truth.“ Ein Gedanke für die Aufklärer

6. Ein Projekt funktioniert dann, wenn jeder eine praktische Aufgabe (Praxis, Erfahrung, verfügend über die entsprechenden Fähigkeiten und Talente) übernimmt, die zum Gelingen eines größeren Ganzen beitragen, und ein Höchstmaß an eigenständigem Handeln ermöglichen, während gleichzeitig ein (gefühlter) Überblick über das gesamte Projekt gegeben ist.

7. Letztlich geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern um ziel- und zweckorientiertes Handeln und schon gar nicht um Diskussionen.

„Adam Smith hat gesagt: Das beste Resultat erzielt man, wenn jeder in der Gruppe das tut, was für ihn selbst am besten ist. Richtig?“ „Das hat er gesagt, stimmt.“
„Unvollständig, unvollständig. Okay? Weil das beste Resultat dann erzielt wird, wenn jeder in der Gruppe das tut, was für ihn selbst am besten ist… und für die Gruppe… Regulierende Dynamik, Gentlemen, regulierende Dynamik… Adam Smith hat sich geirrt.“ Dialog zwischen John Nash und Kollegen im Film „A Beautiful Mind“.

8. Allem voran bedarf es des Vertrauens in das eigene Handeln. Was, wenn es fehlt, nicht selten als Misstrauen in ein Gegenüber projiziert wird, ebenso wie ein mitunter herrschendes Unwissen zu einer gegebenen Aufgabe.

9. So kann ich mir keine (Reichs)Regierung vorstellen, die „das Kind schon schaukeln“ würde, weil die Talente und Fähigkeiten entweder nicht gegeben oder unzureichend sind und eine derartige Aufgabe durch bloße Rechtskenntnisse nicht zu bewältigen ist.
Es ist schwer, das alles grundsätzlich für ernst zu nehmen, wenn das gewohnte Tamtam insgesamt als Rollenspiel mit seinen Darstellern enttarnt wurde. So am Rande.

„Cowboy und Indianer, Räuber und Gen-Darm.“

10. Was Zusammenarbeit angeht, besteht meist die Vorstellung, jeder müsse überall und zu jederzeit mitreden und seine Gedanken zu jedem beobachteten Handeln beitragen, während er selbst keinen praktischen Beitrag leistet, was letztlich auch darauf hinweist, dass die eigene Aufgabe noch nicht gefunden wurde.

11. Um- und Weiterdenken ist letztlich keine Angelegenheit einer oberflächlichen Entscheidung, welche der beiden Rollen (Untergebener oder Erhabener) man zukünftig zu spielen meint, oder dass sofort alles anders ist, sondern zielt darauf ab, zunehmend „über den gewohnten Tellerrand“ gesellschaftlicher Konventionen hinauszublicken, was auch nichts damit zu tun hat, dass man fortan nur im Wald leben müsse. Es zeigt auch, wo man seine Grenzen hat, die dazu jedoch überschritten werden müssen, um Veränderung zu bewirken.

12. Das System der alten Ordnung ist dazu gedacht, den Moment grundsätzlicher Veränderung und Entwicklung mit allerlei „Komfort“, „Annehmlichkeiten“ und viel „Gewäsch“ möglichst lange hinauszuzögern, natürlich angepasst an die bisherigen Denk- und Verhaltensmuster (unter anderem die gewohnten Verdrängungskonzepte), gepaart mit der Haltung dem Schmerz (der Veränderung) möglichst lange aus dem Wege zu gehen, den man in der Kindheit für eigenständige Entwicklung einst (durch Bestrafung) erfahren hat.

13. Es ist im Kern eine geistige Haltung, beeinflusst von den Denk- und Verhaltensmustern, in der Regel vorbelastet durch die oft zitierte anerzogene Gehorsamsbereitschaft, vermittelten gesellschaftlichen „Wertvorstellungen“ und entstandenen Verdrängungskonzepten.

14. Um es so auszudrücken: Mit Macht, Geld, Eigentum, Besitz, Hab und Gut und der Vorstellung, etwas oder jemand würde einem „gehören“ und noch mehr davon, kommt nichts anderes dabei heraus, als das, was bereits besteht.

15. Das Spektakel und die Verwirrung um Veränderungen, ist in der Gesellschaft nur deshalb so groß, weil es bisher genügt hat, sich aufs Arbeiten und Geld verdienen (und wieder ausgeben) zu konzentrieren, wo letztlich die Politik alles für sie „regeln“ würde.

16. Bei näherer Betrachtung hat sich um den wertgläubigen und arbeitenden Menschen ein Szenario entwickelt, was sich mit an seinen Glauben an den Wert von Geld und Arbeit rankt, jedoch selbst keinen wirklichen Beitrag leistet und wie ein schwerer Bleimantel über den Gemütern legt.

17. Während in „Gut“ und „Böse“ innerhalb der alten Ordnung gedacht wird, fällt in der Mehrheit nicht auf, dass man sich durch das System gegen das Leben selbst richtet, während die Vorstellung besteht, die Existenz und ihre Erhaltung ginge über alles hinaus.

„Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber ich fand, wir sollten uns versammeln und uns erinnern und ich fand das hier… ganz angemessen: Die Aufgabe des Menschen ist zu leben, nicht zu existieren. Ich verschwende meine Tage nicht mit dem Versuch, sie zu verlängern. Ich nutze meine Zeit.“ „M“, James Bond: Keine Zeit zu sterben, 2021

18. Im stattfindenden Wandel können die gewohnten Denker auch nur mit üblichen Selbsttäuschungen aus angeblich „gültigeren“ (Rechts)Fiktionen aufwarten, während sie gleichzeitig weiter ein Teil des Systems der alten Ordnung und ihren eigenen Denk- und Verhaltensmustern, Konventionen und Wertvorstellungen unterworfen bleiben.

19. Gefangen ist, wer seine Rolle für „echt“ hält („Ich bin…“) und von der Gesamtsituation überzeugt ist, sie sei „alternativlos“ und deshalb auch „ernst“.

20. Wer bei den gesellschaftlichen „Werten“ näher hinschaut, wird darin nur eine individuell-gesellschaftliche Selbstversklavung erkennen – meist begründet damit, dass „man“ ja nicht anders könne und sich ja entsprechend orientieren müsse.

„Unsere Welt folgt einer naturgegebenen Ordnung, und wer versucht sie umzukrempeln, dem wird es schlecht ergehen.“ „Haskell Moore“, Cloud Atlas, 2012

21. Die gewohnten Teilnehmer der Gesellschaft werden sich unter Beibehaltung ihrer Konventionen und Wertvorstellungen (im Wesentlichen das mit Zahlen bedruckte Papier und Arbeit etwas wert seien) solange gegenseitig selbst unterdrücken, wie sie an diesen festzuhalten meinen, während die Zügel aus Schulden, Zins und Zinseszins bestehend, weiter in fremden Händen liegt.

22. Wer an den Wert von Geld, Arbeit und den daraus geschaffenen Dingen zu glauben meint, ist somit auch mit Schulden konfrontiert, die man gerne auf die eine oder andere Art und Weise loswerden mag, während sich die erwarteten Vorteile bei einem selbst weiter zu kumulieren haben.

23. Kurz etwas zum Thema „Geldschöpfung“: Ein Dar-Lehen wird im Akt der Dar-Lehensvergabe durch den Dar-Lehensnehmer aufgrund seiner Vorstellung, dass das aus dem Nichts geschaffene „Geld“ (gelt) etwas wert sei, was er mit seinem „Eigentum“ und „seiner Arbeit“ zu besichern meint, während es auf der anderen Seite nur darum geht, weiter die Macht über die arbeitende Masse beizubehalten, wo die Rückzahlung neben der Tilgung auch die nicht mitgeschaffenen Zinsen enthält.
Diese sorgen dafür dass, die Masse fremdgesteuert(!) zusammengehalten wird, wo der Irrglauben herrscht, diese irgendwann zurückzahlen zu können.

Gleicher Unfug findet sich übrigens auch bei den sogenannten „Staatsschulden“.

24. Solange an den Wert von Geld und Arbeit geglaubt wird, solange herrscht die gesellschaftliche Selbstversklavung, was man auch mit keinem „Bedingungslosen Grundeinkommen“ in den Griff bekommen kann, da die Ursache in der Erziehung zum gehorsamsbereiten und auf Belohnung ausgerichteten Untertanen zu finden ist.
Das wiederum hat zur Ursache, dass der Mensch in der Regel in der Familie so erzogen ist, dass er nicht „Herr über sich“ selbst (über seine Denk- und Verhaltensmuster) ist und weil es für ihn einfacher erscheint, lieber „Herr über andere“ zu sein und seine Herren erwählt, um das eigene Machtvakuum mit Äußerlichkeiten auffüllen zu wollen.

„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ Art. 6 GG

25. Häufig wird das Vorhandensein hierarchischer Strukturen (Untergebene und ihre Herren) damit begründet, dass es im Tierreich ja auch welche gäbe.
Bei näherer Auseinandersetzung mit dieser Aussage, sollen damit nur die gewohnten Verhalten gerechtfertigt werden, an denen jene festzuhalten gedenken und so weiter ein aktiver Teil der alten Ordnung bleiben, verbunden mit den erreichten Machtpositionen und damit verbundenen Privilegien.

„Zu Beginn schweigt man, weil man gehorcht. Dann schweigt man, damit man was „wird“, und am Ende schweigt man, damit man das Erreichte behält.“

Sie sehen: Es reicht schon lange nicht mehr aus, nur auf einen anderen „Staat“ oder auf „gerechte Vorgesetzte“ zu hoffen.

26. Ebenso wenig nutzt es, die „ungerechten Herren“ zu beseitigen, während die „Vertragspartner“, also die Untergebenen geflissentlich „übersehen“ werden, eben weil so manche „Forderer“ eben selbst diese Untergebenen (des Systems) sind – nämlich durch ihren Glauben an den Wert von Arbeit und „Geld“. Aus diesem Grunde heißt es ja auch nur „Revolution**“ und nicht „Evolution**“.

„Weil´s um mehr als Geld geht.“ Sparkasse, 2021

** to revolve = sich im Kreise drehend, to evolve = sich entwickelnd

27. Es ist ein beachtlicher Unterschied, ob man die Welt als eine Ansammlung von Dingen und Teilen und scheinbar unabhängig voneinander existierenden Phänomenen (hier: Probleme, Symptome) wahrnimmt und diese einzeln zu bekämpfen versucht oder ob man die Welt als ein mehr oder weniger gut vernetztes Ganzes erfährt, wo die Ursache nur selten dem wahrgenommenen „Problem“ entspricht – vereinfacht ausgedrückt.