Von Mandarinen und Doktrinen

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(v1.0*) Heute morgen um ca. vier Uhr ging die letzte Episode von „Utopia“ zu Ende. Kurz zur Story. Ein Wissenschaftler beschreibt in zwei grafischen Novellen das, was man mit der Menschheit vorhat, und wer daran mitwirkt. Er selbst entwickelte dafür einen Erreger, den er in dieser Novelle beschreibt, besser: zeichnet.

Eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern gelangt an diese beiden Dokumente und wird dadurch zum Ziel einer Institution, die vorhat, über alle Menschen mit diesem Erreger (besondere Varianten der russischen Grippe) zu infizieren und gleichzeitig einen Impfstoff zur Verfügung zu stellen.

Während der Erreger die Menschheit dezimieren soll, hat der Impfstoff zur Folge, dass kontrolliert nur noch 10% der Menschen fruchtbar bleiben sollen, so dass sich die Menschheit im Laufe der Zeit auf weltweit 500 Millionen selbst reduziert.

Der Wissenschaftler hatte in der Zwischenzeit etwas am Erreger geändert und statt willkürlicher 10% die Volksgruppe der Roma als einzige Überlebenden gewählt.
Am Ende wird der Akt verhindert, während über die gesamten Folgen die Teilnehmer mitunter die Seiten tauschen.
Das Szenario, die Rollen und die Motivationen werden teilweise auf eine sehr skurrile Art und Weise dargestellt, was die damit verbundene Kernaussage noch offensichtlicher werden lässt.

Wer unter den gewohnten Denk- und Verhaltensweisen die beiden Staffeln mit ihren 12 Episoden schaut, achte dabei auf die eigenen Gefühle und Emotionen.
Mitunter wird er seine eigene Opferhaltung und Machtlosigkeit zur spüren bekommen.
Das liegt lediglich daran, dass das Szenario nur im Rahmen gewohnter Betrachtung und damit verbundener (aus gewohnter Erziehung heraus entstandener) Denk- und Verhaltensweisen aussichtslos erscheint.

Die Argumente, über schwindende Brenn- und Rohstoffe und damit verbunden, der zunehmende Kampf um die Ressourcen, um unter anderem auch Düngemittel und so auch Lebensmittel zu produzieren, sind aus gewohnter Sichtweise verständlich und stichfest – erscheinen sogar unumstößlich.

Es wird halt zu viel auf den Menschen geschaut, der am besten „weg muss“, damit es in der Zukunft für wenige wieder funktioniert. Kaum jemand schaut auf die ihn ebenfalls selbst betreffenden Denk- und Verhaltensweisen, die in der Regel unbetrachtet aus ihm einen aktiven Teilnehmer des Systems der alten Ordnung werden lassen. Der Tod ist jedoch nicht die Lösung.

Im Film „Downsizing“ versucht man durch Verkleinerung des Menschen, dem Problem menschlicher Gier zu Leibe zu rücken, was nichts anders ist, als die Hälfte aller Lebewesen im Universum auslöschen zu wollen, damit es wenigen wieder gut geht, wie dies in „Avengers: Infinity War“ mit den gleichen Argumenten traktiert wurde.

„Was für’n Buch liest du da?“ „Machiavelli.“ „Die größte Schwachstelle jedes Systems, ist nicht die Software oder Hardware, sondern wir, der „Faktor Mensch“ (zeigt dabei auf den Kopf).“ „Helmut Zemo“, Falcon and the Winter Soldier, 2021

Um es besser auf den Punkt zu bringen: Es sind die vom Menschen als „normal“ deklarierten Denk- und Verhaltensweisen, die sein Denken und Handeln bestimmen. Und solange er sich nicht über sie erhebt, wieder „Herr über sich“ selbst wird, statt nur „Herr über andere“ sein zu wollen, wird sich das alles fortsetzen und gewohnt von all jenen, in der Rolle der Opfer und Klageweiber weiter nur bejammert werden.

Denn die Mehrheit arbeitet bereits zusammen, und zwar gegeneinander und hören mag sie auch nicht, weil sie in allem, was nicht in ihre gewohnten Denkmuster passt, eine feindliche Absicht zu erkennen meint oder an ihre Unwissenheit erinnert wird.

In der Regel versucht der gewohnte Mensch nur weiter am Erreichten festhalten zu wollen, während jede Gelegenheit genutzt wird, um weiter „sein Eigen“ zu mehren, während man am liebsten „der Erste“ sein mag.

Gut, dass sich immer mehr mit dem System auseinandersetzen, statt nur mit dem Finger auf die vermeintlich Schuldigen zu zeigen. Das ist nur ein in der Familie anerzogenes kindliches Verhalten.
Man sieht, dass graue Haare, Falten an Arsch und im Gesicht und fehlende Zähne keine Garanten für Erwachsensein sind.

Die Menschheit hat sich im Rahmen anerzogenen Gegeneinanders ein System geschaffen, was mittlerweile damit angefangen hat, seine eigenen Kinder aufzuzehren.

„Wir wollen, dass ihr es mal besser habt, als wir…“, war bisher nur eine leere Aussage.

So hat das Corona-Szenario letztlich doch sein Gutes, weil man stets alle in einen Sack stecken muss, eben weil sie bereits zusammenarbeiten.

„Es ist keine Pandemie dafür nötig, dass sich die Menschen impfen lassen… nur die Angst vor einer Pandemie.“ „Wilson Wilson“, Utopia, 2013/14

Danke.

Musikalische Untermalung:

Nachtrag: Oder hat hier jemand bereits aufgegeben, jedoch auch schon erkannt, dass im Alten keine Zukunft steckt – außer durch seine Infragestellung daraus erwächst.