murrow
murrow

Ernst…

Lesezeit: ca. 17 Minuten

(v1.3) …ist nicht nur ein althochdeutscher Männername, sondern auch so manches Thema, mit dem man sich schwer tut. Drum nehmen Sie’s gelassen.

„Die Lage ist ernst. Ernst! Eine Lage!“

Nicht nur, dass sich der gewohnte Mensch unter anderem dadurch selbst „über den Tisch zieht“, indem er an seine vielen „Vorgesetzten“ zu glauben meint, die ihm möglichst immer wohlgesonnen sein sollen, damit er dafür „reichlich“ belohnt wird.

Nein, es sind auch die vielen Fiktionen (Staaten (Institutionen innerhalb des Systems der alten Ordnung) und deren Institutionen und der Autoritäten), an die er ebenfalls irgendwann zu glauben meint und die sich ihm nach seiner Geburt als gegeben und gewohnt anzuerkennen präsentieren. Die einen kennen es nicht anders, während das junge Leben im Urtrauen alles kopiert. Fatal.

„Zwar unterwerfen sich die Menschen am Anfang unter Zwang und mit Gewalt; aber diejenigen, die nach ihnen kommen, gehorchen ohne Bedauern und tun bereitwillig, was ihre Vorgänger getan haben, weil sie es mussten.
Deshalb sind Männer, die unter dem Joch geboren und dann in der Sklaverei genährt und aufgezogen wurden, damit zufrieden, ohne weitere Anstrengung in ihren ursprünglichen Umständen zu leben, ohne sich eines anderen Zustandes oder Rechts bewusst zu sein und den Zustand, in den sie geboren wurden, als ganz natürlich anzusehen.
… der mächtige Einfluss der Sitte ist in keiner Hinsicht zwingender als in dieser, nämlich der Gewöhnung an die Unterwerfung.“ Aus: Die Politik des Gehorsams: Der Diskurs der freiwilligen Knechtschaft“, Étienne de la Boétie, 1530-1563

Es muss nicht unbedingt alles mit Eroberung und anschließender Unterwerfung geschehen, wenn man für das Arbeiten etwas bekommt, sich mit der Zeit daran gewöhnt, es irgendwann erwartet, später sogar fordert und irgendwann schnappt die Falle zu.

„Ich erzähle ihnen eine wahre Geschichte. Vor 500 Jahren kamen die Portugiesen und die Spanier hierher und versuchten den Eingeborenen ihr Land abzujagen. Die Spanier kamen und schossen wild in der Gegend rum, um zu beweisen, wer „der Chef“ ist. Die Eingeborenen töteten die einzelnen Spanier.
Ich persönlich bevorzuge die Methode der Portugiesen. Sie kamen mit Geschenken: Spiegel, Scheren und Schmuck. Dinge, die die Eingeborenen selber nicht hatten. Aber um sie weiter zu bekommen, mussten sie für die Portugiesen arbeiten. Deswegen sprechen die Brasilianer heute portugiesisch.
Also, wenn sie Menschen mit Gewalt beherrschen, schlagen sie irgendwann zurück, denn sie haben nichts zu verlieren. Und das ist der Schlüssel.
Ich gehe in die Favelas und gebe ihnen etwas, was sie verlieren können: Elektrizität, fließendes Wasser, Schulen für ihre Kinder. Und mit dieser Kostprobe eines besseren Lebens, gehören sie mir.“ „Hernan Reyes“, The Fast and the Furious, 2001

Und wie war es eigentlich damals „in Deutschland“?

Ursachen von Konflikten
Im einfachsten Fall reichen bereits zwei unterschiedliche Meinungen, um im „Gegner“ einen „Feind“ erkennen zu wollen, der jedoch nur eine Projektion des eigenen „Ichs“ als der Feind selbst ist.
Im Grunde handelt es sich um einen inneren Konflikt mit sich selbst, der nach außen projiziert wird.
Dieses Verhalten ergibt sich aus der gewohnten Erziehung zur fremd belohnten Entsprechung und Bestrafung für eigenständiges Denken und Entwicklung.

Für den im „Haben“ konditionierten Mensch ist das „sein Eigentum“ oder „sein Besitz“, dass was ihn ausmacht, besser: was seine Person ausmacht.
Der Mensch selbst besitzt nichts, nicht einmal das Leben. Das macht ihn frei und wenn ihm das mit der gewohnten Feindbildprojektion auch noch bewusst wird, gibt es für ihn auch keine „Feinde“ mehr.

Im Grunde geht es um die Hoheit über das Belohnungssystem des Individuums, fremd- oder selbstbestimmt.

Äußere Konflikte ergeben sich unter anderem auch aus der Vorstellung, dass einem etwas oder jemand gehören würde, und es man möglicherweise auch verlieren könnte und demnach zu verteidigen habe.

„An dem Tag, an dem der Mensch erkennt, dass niemandem etwas gehört, ist auch der Tag, an dem er auch nichts mehr verliert. Das ist der Tag, an dem der Mensch frei wird und über sich hinauswächst.“

Zu „haben“ erscheint nur anfänglich für den „Inhaber“ von Vorteil, während er über das „Gut“ von außen steuerbar wird: „Du bist solange gut, solange mir das gefällt.“

Diese Haltung, wie sie durch gewohnte Erziehung zur Gehorsamsbereitschaft forciert wird, steht der natürlichen Entwicklung des Menschen, hin zu Vernunft, Gewissen, Frieden, Freiheit und der eigentlichen Gerechtigkeit, diametral gegenüber.
Den meisten Menschen ist das über ihre gesamte Existenz jedoch nicht wirklich bewusst, noch nicht einmal, dass sie sich für ihre Person halten, die sie in einem „alternativlos“ und deswegen „ernst“ erscheinenden Rollenspiel zu spielen meinen, ohne jedoch zu wissen, dass es lediglich ein Rollenspiel ist.

Jemand, der während seiner gewohnten geistigen „Entwicklung“ – im Rahmen gewohnter Denk- und Verhaltensmuster seiner „Betreuer“ – in Familie, Kindergarten, Bildungseinrichtungen, „Kirche“, „Staat“ und Unternehmen und unter dem Aspekt „wohlwollender Betreuung“ aufwächst, wird sich selten darüber bewusst sein, dass das gesamte Tamtam dazu gedacht ist, ihn zu versklaven – besser: dass er nicht merkt, dass er sich durch seine eigenen Denk- und Verhaltensmuster und davon abgeleiteten Konventionen selbst versklavt, während er dafür auch noch mit den „gesellschaftlich anerkannten (anerzogenen) Wertvorstellungen“ belohnt wird.
Davon vereinnahmt, wird ihm so mancher, der nicht so ist, wie er, mehr oder weniger als „Feind der Gesellschaft“ erscheinen, während er dabei übersieht, dass er sich „selbst“ vom Leben abgewandt hat.

„Der belohnte Sklave ist der Feind seiner Freiheit.“

An dieser Stelle will ich sehr deutlich zum Ausdruck bringen, dass man den Eltern, die in der Familie (künstliche Institution) die Grundlagen einst legten, keine Schuld zuweisen kann und darf. Denn sie wussten es nicht besser.
Es ist grundsätzlich nicht ratsam, irgendjemandem Schuld zuzuweisen, weil man sich auf diese Weise von der eigenen Entwicklung verabschiedet. Das wiederum zeigt einmal mehr, worin die wesentliche Aufgabe besteht.

Bereits in jungen Jahren konnte ich Veränderungen bei Freunden erkennen, wenn sie sich plötzlich in einer Gruppe aufhielten oder wir nur zu zweit unterwegs waren. Es ist immer sehr spannend, wie man selbst und Menschen auf Situationen und Sachverhalte reagieren. So am Rande.

Ja, aber…
Alles als „gegeben“ und nicht änderbar hinzunehmen, ist dabei eine Haltung, um möglichen Schmerz und Unbill für sein eigenes Aufbegehren zu vermeiden.
Unsäglichkeiten nur zu sammeln und bei nächster Gelegenheit lautstark oder als Klageliedchen zu präsentieren, ist dabei nur eine Erscheinung der gewohnten Opferhaltung.

Sogenannter „Preuße“ in 2014 in der Vortragspause: „Ja, aber da muss man ja Angst haben, dass man dafür getötet wird.“ „Dann muss man halt mal ein bisschen Mut haben“, war die Antwort.

Durch anerzogene Schmerzvermeidung wird nicht wirklich etwas überwunden. Sie ist wie eine selbst geschaffene Barriere, hinter der man sich gewohnt versteckt, während man sich dadurch auch von der eigenen Entwicklung abhält.
Es sind nicht die anderen, „die Schuld“ daran sind, dass man in einer solchen Position verharrt, sondern die eigene Angst vor möglichem Schmerz.

Diese Art von „gefühltem“ Schmerz ist gleichzeitig auch ein Zeichen, dass sich an etwas festgehalten wird, was es jedoch zu überwinden gilt, will man sich weiterentwickeln – in der Weise, dass es auch zu sicht- und spürbaren Veränderungen führt – nicht nur in der Theorie.

„Gefangen in der Vergangenheit. Ich erkenne einen Getriebenen, wenn ich einen sehe. Das was wir nicht loslassen können, die emotionalen Granatsplitter, die uns ein Leben lang Schmerzen bereiten.“ „Jean-Luc Picard“, Star Trek: Picard, 2022

Der gewohnte Mensch denkt, er sei sein „Ich“, fragt sich natürlich, wie er sich ändern soll, während der Mensch, der erkennt, dass er ein „Ich“ hat, so in der Lage ist, sich selbst zu verändern, zu entwickeln. Schaut man genau hin, sind Haben und Sein hier vertauscht.

Der Gewohnte mag in der Regel all jene Veränderungen, die ihm bereits bekannt sind und sich so als „sicheres Zurück in die Vergangenheit“ präsentieren.
Während ihm nicht wirklich bewusst ist, dass es sich hier ebenfalls um ein anerzogenes Verhalten handelt, was ihm aus der anerzogenen, belohnten Hörigkeit gegenüber einer Autorität übrig geblieben ist, die genauso „gestrickt“ war.

„Gestern war alles besser“ → Zugehörigkeit, Anerkennung, Aufmerksamkeit, bedingte Liebe, Belohnung.“

An diesem Punkt wird auch erkennbar, warum sich so manche gerne vom Vorhandenen in der Weise „verabschieden“ möchten, um anschließend ein Leben im Vorgestern leben zu wollen.
Das Bisherige ist jedoch nicht dazu gedacht, um es zu wiederholen, sondern es stattdessen infrage zu stellen, um auf diese Weise wieder nach vorne zu leben, statt nach hinten „vor sich herumexistieren“ zu wollen.

Treffen sich zwei Neandertaler, sagt der eine: „Gestern war alles besser.“ Meint der Zweite: „Was ist denn „gestern“?

Für die Jüngeren erscheint es einfacher, diesen Moment des nach vorne Lebens „anzusteuern“, als ältere Generationen.

Klassisch betrachtet ist Sklaverei verboten. Selbstversklavung, durch aus der Gewohnheit heraus angenommene/entwickelte Denk- und Verhaltensmuster, sich daraus ableitende Konventionen und Wertvorstellung ist es jedoch nicht. Einmal mehr, sich zu fragen, welchen eigenen Anteil man an einem solchen Zustand hat.

Zu demonstrieren, was nichts anderes ist als klagendes, jammerndes und Bittstellertum darstellt, bringen nichts. Warum weil es erst dann geschieht, wenn das „Kind bereits in den Brunnen gefallen“ ist. Nach-, Mit-, darauf herum- und Vordenken ist also mehr als nur eine „steuerfreie“ Nebenbeschäftigung.

Dennoch es steht jedem frei, sich zu entscheiden oder nicht, jedoch ist ein schrittweises Um- und Weiterdenken von Vorteil.

„Weiterdenken, statt weiter denken.“

Denn es geht nicht einfach darum, den eigenen Hintern mit den üblichen Methoden zu „retten“, während sich die damit verbundenen, gewohnten Formen der „Rettungsmaßnahmen“ die Gesamtsituation für alle „Nichtumdenker“ nur weiter verschärft.

„Gestern war nicht alles besser, sondern es war inhaltlich nur anderes, prinzipiell war das Gestern jedoch genauso, wie das Heute.“

Die Hoffnung auf „gerechte Vorgesetzte“, stellt sich am Ende als Unfug heraus.

Deutlich erkennbar, auf welcher Ebene Veränderung stattfindet. Es ist von wesentlicher Bedeutung, den Unterschied zwischen „inhaltlich anders“ und „prinzipiell anders“ zu kennen, sonst wird sich gewohnt nur im Kreise gedreht.

Jemand, der „inhaltlich orientiert“ unterwegs ist, wird jenen, der sich an „Prinzipien orientiert“, nur schwer oder sogar nicht verstehen.

Es herrscht mitunter die Meinung, dass es „lediglich“ der „gerechten Vorgesetzten“ bedürfe, wenn sich die „Ungerechten“ breit gemacht haben, während es ihm meist darum geht, nur so weiterzumachen wie bisher, während er mitunter lautstark „Veränderungen“ fordert.
Wer gehorsamsbereit erzogen wurde, wird solange versuchen, sein eigenes, inneres Machtvakuum durch äußere „Vorgesetzte“ befüllen zu wollen, bis er selbst umdenkt.

Parallel zum „alternativlos“ erscheinendem System der alten Ordnung entfaltet sich, durch den Prozess seiner Infragestellung bereits ein weiteres System, was gegenüber dem Alten als umgekehrt erscheinend gegenüber steht.

Leid ist ein Phänomen, zwar lautstark Veränderungen zu fordern, während insgeheim am Alten festgehalten wird und man selbst nicht von den Veränderungen betroffen sein mag.

Das ganze Tamtam spielt sich im eigenen Kopf ab, was wiederum bedeutet, dass man in der Lage ist, etwas zu tun.
Das setzt voraus, dass man die Illusion ablegt, dass erst mal alles anderes werden muss, damit man selbst wieder „mitmachen“ kann.
Das ist deswegen irrig, weil die meisten nur noch warten – auf jene, die auch nur auf andere warten.

Weder Warten noch Zögern bringen einen voran.Warten Sie auf keine „Erlöser“, „Führer“ oder irgendwelche „Heilsbringer“.

Durch den Prozess der Infragestellung des Systems (und damit verbundener es erzeugender und aufrechterhaltender Denk- und Verhaltensmuster) beginnt seine gewohnte Bedeutungshoheit („alternativlos“ und deswegen „ernst“) mehr und mehr zu erodieren.

„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Bedeutungen, die wir den Dingen verleihen.“ Epiktet 2.0

Beitragsbild: Edward R. Murrow, 1908-1965

Nachtrag: „Manchmal muss man einen Baum pflanzen, in dessen Schatten man sich selbst nicht mehr legen kann.“

Ein Hinweis nebenbei: Hoffnung scheint bei den Aufklärern noch immer großgeschrieben zu werden (ist ja schließlich auch ein Hauptwort). Rückblickend ist mir über die letzten zehn Jahre ein Phänomen aufgefallen, dass immer wieder irgendein Datum „in den Raum geworfen“ wurde, wo sich etwas ereignisreiches tun würde und dann wurde „gesehnsüchtelt“ und „wunschgehofft“. Jede Kritik darüber war natürlich verpönt. Dann kam der Tag… und verstrich ohne jenes vorhergesagte Ereignis.

Es ist besser, sich nicht darauf zu verlassen, nur damit einmal mehr artig auf dem Komfortsofa gewartet wird.

Ich glaube, es war so Ende März oder Anfang April 2020, da kokelte „Corona“ noch gemächlich vor sich hin. Da erschien auf einem Blog ein wirklich sehr, sehr langer (sicher zwei Meter) Beitrag über das, was Trump noch vor dem 08.05.2022 so alles veranstalten würde und dass ab dem 08.05.2022 das „Deutsche Reich“ wieder reorganisiert würde. Es folgten ellenlange Erklärungen.
Auf die provokante Frage, wer das denn dann machen würde, bekam ich auch eine recht plumpe Antwort: „Das darfst du mal schön selbst herausfinden.“ Und – Bitte damit wollte man Eier legen? Der Tag kam, der Tag ging.

Ein paar Tage später erhielt ich eine E-Mail aus der Schweiz mit gleichem Thema, die ich mir unbedingt durchlesen sollte. Ich habe sie gelöscht. Da machen sich nur ein paar…was auch immer… einen Spaß mit den Leichtgläubigen.