Gerechtigkeit – ein heißes Thema

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(v1.2) Vielleicht kennen Sie die Situation? Sie haben Bekannte oder Verwandte und sind in einer gemeinsamen Angelegenheit mit den anderen in der Weise involviert, die sich für alle Beteiligten so entwickelt hat, dass sich jeder vom anderen irgendwie – sage ich mal – „benachteiligt“ sieht.

Irgendwann geht dann das Gejauner los, gefolgt von (direkten oder indirekten) Schuldzuweisungen und mitunter, wenn a) die Waffen (Argumente, Vorwürfe, Mutmaßungen, Unterstellungen, Behauptungen) geschmiedet sind, wird gegen den ersonnenen „Feind“ in den Krieg gezogen oder, was mitunter auch der Fall ist, wird sich b) zurückgezogen, „Boten der Kommunikation“ eingerichtet oder gar nicht mehr kommuniziert, weil es „persönlich“ geworden ist.

„Ich bin von Licht und Liebe erfüllt, Arschloch!“ „Reagan’s Mutter“, Inside Job, 2021

Und wenn alle ihre „Schuld“ kleinreden, bleibt dennoch ihre Teilhabe (ungewichtet) bestehen wie auch ihre Mitverantwortlichkeit an der entstandenen Situation.

Für die Opferrolle erscheint es „normal“, sich als „Opfer der Umstände“ zu „sehen“ und darstellen zu wollen, während der andere als der „schuldige Täter“ erkannt werden soll.

Der Mensch hingegen, der in der Lage ist, diese Rolle auch wieder abzulegen, wird sich auf den Weg machen, den seinen Ursachen am Geschehenen auf die Spur zu kommen, um dadurch wieder ein kleines Stück über sich selbst hinauszuwachsen.

„Ihr Daseinszweck ist es nicht zu herrschen, sondern das Verursachen von Leid und Schmerz und Tod. So ist es gewesen, so ist es jetzt noch, und so wird es immer sein. Und alles nur, damit andere ihretwegen über sich hinauswachsen können.“ „Mobius M. Mobius“ zu „Loki“, Loki, 2021

Meist bleibt der Sachverhalt ungeklärt und wird zusammen mit dem „Gegner“ und durch reichlich „Argumente der Rechtfertigung“ überlagert/verdrängt, und man geht seines Weges.

Was zurückbleibt, ist meist ein Knäuel aus Unsäglichkeiten und Anschuldigungen, die wie hartnäckiger Schmutz fast an allem zu kleben scheinen, während die involvierten Akteure ihre eigene Teilhabe und damit verbundene „Schuld“ kleingeredet haben.

Wenn sich alle jedoch für „unschuldig“ halten, so sind sie jedoch weiterhin daran beteiligt (gewesen).
So etwas wie eine „objektive Haltung“ gibt es nicht, jedoch eine sachliche Sichtweise.

„Wir haben keine Kontrolle über das, was das Leben mit uns macht. Die Dinge geschehen, ehe man um sie weiß. Und sobald sie geschehen sind, zwingen sie einen, andere Dinge zu tun. Bis man am Ende jemand geworden ist, der man nie sein wollte.“
„Nein. Wir können alle frei entscheiden und Sie haben sich entschieden. Manchmal findet man sein Schicksal auf Wegen, auf denen man dachte ihnen zu entgehen.
Skarssen und diese Bank sollen sich für ihre Taten verantworten und ihre gerechte Strafe erhalten. Sie können mir dabei helfen.“
„Gerechtigkeit. Das ist nicht möglich.“ „Warum?“ „Ganz einfach, Agent Salinger. Weil ihre Idee von Gerechtigkeit eine Illusion ist. Verstehen sie nicht, dass das System, dem Sie dienen, es niemals zulassen wird, dass der Bank oder Skarssen irgendetwas passiert. Im Gegenteil. Das System garantiert der IBBC Sicherheit, weil alle Welt darin verwickelt ist.“
„Was meinen sie mit „alle Welt“?“ Dialog zwischen „Oberst Wexler“ und „Agent Salinger“, The International, 2009

Letztlich regelt es sich so manches in irgendeiner Weise von selbst, was im Rahmen gewohnter Denk- und Verhaltensmuster sehr häufig angezweifelt wird, weil sich so mancher plötzlich als Handelnder im „Sinne der Gerechtigkeit“, die gern mit „Rache“ und „Vergeltung“ verwechselt wird, zu erkennen meint. Es regelt sich dann auch von „selbst“, wenn man sich daran macht, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster, mit denen man am System angekoppelt ist, infrage zu stellen.

„Mein ist die Rache, spricht der Herr“, bedeutet letztlich nur, dass das Leben es regeln wird. Das Leben tendiert zur Selbstheilung, während der Mensch (durch seine gewohnten Denk- und Verhaltensmuster) zur Verletzung tendiert.
Zwischen diesen beiden Mechanismen lassen sich sowohl der Lernprozess wie auch die Beziehung des Menschen zum Leben und seine damit verbundene Haltung und wesentliche Aufgabe (sich eigenverantwortlich zu entwickeln) erkennen.

Der Ausdruck, dass „Zeit alle Wunden heilen würde“, ist letztlich nur dazu gedacht, um sich selbst nicht mit einem Sachverhalt auseinandersetzen zu wollen, weil eine „persönliche Befangenheit“ dazu besteht und wo gewohnt in „Schuld oder Unschuld“ gedacht wird. Dabei war es nur ein Sachverhalt. Es geht nicht um „Schuld“ oder „Unschuld“, sondern darum, aus einer gegebenen/entstandenen Situation zu lernen.

Unter der klassischen Vorstellung von Gerechtigkeit, würde eine dazu ersonnene Instanz so etwas wie „Recht“ im gewohnten Sinne der „Gewichtung der Schuld“ sprechen und so künstlich geschaffene Strukturen bemühen, während gleichzeitig damit der eigene Entwicklungsprozess außer Kraft gesetzt wird.

Konflikte entstehen, weil die gewohnten Denk- und Verhaltensmuster auf Konflikt ausgerichtet sind. Und solange diese unbetrachtet bleiben, bilden sie die Grundlage für menschliches Agieren.

Und selbst wenn es sich unglaublich und utopisch anhören mag: Der Mensch ist in der Lage, seine Denk- und Verhaltensmuster Schritt für Schritt zu ändern. Dazu dient ihm das System und darin gezeigte Szenarien, denen er gewohnt mit Abwehr (und damit verbundenen, möglichen Schuldzuweisungen) zu begegnen meint.

„Opfer“ und „Täter“ sind dabei zwei bekannte Rollen, wie der „Gewinner“ und der „Verlierer“, der „Gute und der “Böse“, „Freund“ und „Feind“ &c.
Also nur die übliche Polarisierung die auf gewohnten gesellschaftlichen Konventionen und Wertvorstellungen beruht, meist um festzustellen, wer „dazugehört“ und wer „nicht dazugehört“.

Wenn demnach jemand nach diesen „Regeln“ nicht entspricht, so erhält er ein entsprechendes Etikett, damit man ihn damit brandmarken, stigmatisieren und später erkennen kann.

Ich mag solche Situationen und sich daraus ergebende Konsequenzen, da an diesen Punkten das System der alten Ordnung und damit die verbundene, eigene Aufgabe, nämlich die seiner Infragestellung und welche Verhalten einen selbst an das System ankoppeln lassen, deutlich zu Tage treten.
Damit geht die auch Entscheidung einher, ob man gegebene Situationen weiter zu bekämpfen versucht oder sich zur eigenen Entwicklung entscheidet.

Einem gewohnten Konflikt durch übliche Verdrängungskonzepte zu begegnen oder sich darüber hinaus zu fragen, was man aus einer gegebenen Situation lernen kann, stehen sich diametral gegenüber.

Lernen hat im gewohnten Fall nichts damit zu tun, dass man nur die Meinung des anderen anzunehmen hat, was irriger Weise als „Kapitulation“ erkannt wird, die für gewöhnlich nicht akzeptiert wird, also das nur übliche „entweder…oder“ und „dafür oder dagegen“-Denken (biblisch sozusagen „der gefallene Engel“) den Kopf beherrscht, während jedoch die Frage, was man dazulernen kann, an alle Beteiligten gerichtet ist, was jedoch gewohnt ausgeblendet wird.

Vereinfacht gefragt: Wie lassen sich demnach komplexe Konflikte lösen? Das Geschehene ist das Geschehene, während die jeweilig gegebene Bedeutung vom Menschen auf Basis konventionell-traditioneller Denk- und Verhaltensmuster gemacht ist.

Um es an diesem Punkt so auszudrücken: Veränderung betrifft im Wesentlichen die „eigenen“ und gleichzeitig auch die gesellschaftlich als „normal“ deklarierten) Denk- und Verhaltensmuster und davon abgeleitete, gesellschaftliche Konventionen, Traditionen und Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche, Auswirkungen auf Denken und Handeln auf sich selbst und dadurch auch auf die Welt gerichtet &c. und damit verbundene „gewohnte“ Bedeutungshoheiten.

Statt einen „Schuldigen“ zu suchen, stellt sich die Frage, welche eigenen Verhaltensweisen haben zur entstandenen Situation beitragen. Das meint: Jeder fasst sich an die eigene Nase.

Letztlich ist es „Wurst“, ob man „Täter“ oder „Opfer“ zu spielen meint: Jeder erntet das, was er durch sein Tun (Unterlassen ist auch ein tun) (was von den Denk- und Verhaltensmustern getriggert und weniger von gewohnt „schönen Floskeln“ getragen ist) gesät hat. Denn alles erinnert einen daran, dass es um Entwicklung geht und nicht um Verdrängung, die invertierte Form der Entwicklung.

Indem man sich zunächst den eigenen Anteil am Geschehenen vor Augen führt, der zum Entstehen des Geschehenen beigetragen hat und die gewohnte Abwägung („der Fall“, Urteil) zwischen „Schuld“ und „Unschuld“ unterlässt, selbst dann, wenn sie einem „unter den Nägeln brennt“.

Nicht selten sind unausgesprochene Vorstellungen, Erwartungshaltungen und Hoffnungen an den anfänglich entstandenen Sachverhalt geknüpft gewesen, die am Ende jedoch enttäuscht wurden. Die einen ziehen sich zurück, die anderen kämpfen, doch selten wird auf beiden Seiten aus der gegebenen Situation gelernt.
Aus diesem Grund ergeben sich stets weitere ähnliche Szenarien, die immer wieder an den Entwicklungsprozess erinnern und sich zunehmend dabei verschärfen, bis möglicherweise auch der Tod auf irgendeine Weise eintritt, für den man ebenfalls selbst verantwortlich ist.

Durch (Wert)Vorstellungen, Erwartungshaltungen und meist damit verbundenen Hoffnungen, schafft sich der Mensch jedoch selbst seine Täuschungen, was aus einem anerzogenen, entwickelten und gewohnten Kontrollverhalten (er glaubt, es würde „sein Leben“ – besser: seine Existenz unter Kontrolle haben) heraus entspringt, die irgendwann nur „ent-täuscht“ werden können.

Vernunft ist der intuitiv getriggerte Prozess zwischen bedingungslosem Geben und bedingungslosem Empfangen. Sie ist der eigentliche Hort der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freiheit. Gewissen ist zu spüren, was rechtens ist.“

Verbunden mit:

„Der Tag an dem man erkennt, dass niemandem etwas gehört, ist auch der Tag, an dem man nichts mehr verliert und dadurch frei wird.“

Verbunden mit:

„Man erntet immer das, was man gesät hat.“

Letztlich kann Gerechtigkeit weder gefordert, noch erwartet, jedoch kann sie sicht- und spürbar vorgelebt werden, indem man sich dazu entschließt, sich in Vernunft und Gewissen zu entwickeln, was nebenbei nicht nur die gewohnte „Betreuung“ überflüssig macht, sondern auch die damit verbundenen, in der Regel künstlichen Gesetzmäßigkeiten und damit auch die vielen „Vorgesetzten“ und „Autoritäten“ usw.

„Primus inter pares.“

Musikalische Nachbetrachtung:

P.S. Allen einen gelingendes Herübergleiten nach 2022. Wenn man allerdings die Zahlen als vom Menschen geschaffene Symbole erachtet, wo Zeit lediglich ein Abfallprodukt eines Ursache-Wirkungsprozesses und der Versuch ist, das Unteilbare durch kleinste Zeitschritte unterteilen zu wollen, dann allen eine geruhsame Nacht.

Jemand fragte mich einmal, warum es Raum und Zeit gibt*. Ich sagte ihm: „Raum ist dazu gedacht, dass man sich morgens vor dem Spiegel nicht auf den Füßen steht und Zeit, damit man pünktlich an die Arbeit kommt.

„Was ist das?“ „Das ist eine Uhr.“ „Eine Uhr?“ „Ja, eine Uhr. Sie zeigt die Zeit an… Das Gute ist, sie geht noch.“ „Wofür ist die?“ „Sie zeigt die Zeit an!… Wann man essen, schlafen, aufwachen und arbeiten soll.“ „Ach… du lässt dir von dem kleinen Ding sagen, was du tun sollst?“ „Ja.“ Dialog „Wonder Woman“ und „Steve Trevor“, Wonder Woman, 2017

* Es ist noch zu prüfen, ob sie tatsächlich existieren.

„Wir wiederholen eine 30 minütige Aufzeichnung des Feuerwerks in Berlin aus dem Jahr 2018 und nach „Dinner for one“ erfolgt die Sylvesteransprache der Geschäftsführerin der neuen Nichtregierungorganisation in Deutschland Angela Merkel aus dem Jahr 2015.“