Nicht nur die letzten 75 Jahre nichts dazugelernt

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(v1.3) Nach dem Krieg ging es erst einmal darum, alles wieder aufzubauen und man war froh, dass der ganze Sermon mit den Nazis vorbei war – für all jene, die sich selbst nicht dafür hielten.
Hitler war zwar weg, doch im Hintergrund wurde weiter gewurstelt, siehe unter anderem das „Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten“ („Dreher-Gesetz“), wo man sich mehr oder weniger unauffällig vom Völkermord in einen bereits verjährten Totschlag „hinüberretten“ konnte. Der Film „Der Fall Collini“, aus dem Jahre 2019, greift dieses Thema auf.

Im Allgemeinen hatte sich das, was als Land bezeichnet langsam wieder aufgerafft und das „Dritte Reich“ schien durch die ins Leben gerufene „Bundesrepublik Deutschland“ ad acta. Zumindest für eine große Mehrheit.

Der im Dritten Reich herrschende Faschismus schien vorbei und es schien so, als ob es endlich so etwas wie „gerechte Vorgesetzte“ zu geben schien.

Ich will geschichtlich nicht zu weit gehen, weil es nicht um einen Wettbewerb für „richtige“ und „falsche“ Details geht, die übrigens – auch als mehr des Selben – zu nichts führen würden. Zumindest schien alles irgendwie „normal“ zu sein.

Wer ahnte schon, dass der Faschismus sich nur zurückgezogen hatte, den man auch nicht einfach irgendwelchen „Nazis“ oder „Reichsbürgern“ unterjubeln kann, um damit die entsprechenden Handlungsweisen rechtfertigen zu wollen, zumal es sich nur um Projektionen der eigene Denk- und Verhaltensmuster handelt, um so ein künstlich geschaffenes Feindbild rechtfertigen zu wollen.

Es lohnt sich also nach wie vor, über die eigenen Denk- und Verhaltensweisen vorzudenken, die das System erzeugen IN dem das ganze Tamtam stattfindet.

Doch wer kommt schon darauf, dass Faschismus nicht einfach nur eine ideologisch gebundene Angelegenheit ist, wo man dann bequem mit dem Finger auf die vermeintlich Schuldigen zeigt und hat dann die „Feinde der Demokratie“ recht fix ausgemacht.

Beim Faschismus handelt es sich um ein Phänomen aus der gesellschaftlich gewohnten Erziehung zur Gehorsamsbereitschaft, die dann in Erscheinung tritt, wenn sich fundamental etwas für das Konstrukt aus Untergebenen und ihren Erhabenen verändert – also das Komfortsofa gefährdert zu sein scheint oder gar „ist“.

Wen wundert es da, wenn der Gesellschaft ihre eigenen Denk- und Verhaltensmuster vor Augen geführt werden, in Form einer netten Corona-Märchenstunde.

Man braucht kein Labor mehr, um gesellschaftliche Denk – und Verhaltensmuster studieren zu können.

„Sind viel ihrer Testpersonen bis 450 Volt gegangen?“ „Im Durchschnitt leisten 63% der Testpersonen unbedingten Gehorsam. Das heißt, dass sie das Prinzip des Experiments voll akzeptieren. Damit will ich sagen: Sie gehen bis 450 Volt.“ Dialog „Staatsanwalt Henri Volney mit Prof. David Naggara“, I wie Ikarus, 1979 (Milgram-Experiment)

„Das würde also bedeuten, dass auch in einem zivilisierten Land, mit einer liberalen und demokratischen Verfassung, zwei Drittel der Bevölkerung, ohne zu fragen und ohne zu überlegen, alle Befehle ausführen würden, die sie von einer übergeordneten Macht bekämen.“ Dialog „Staatsanwalt Henri Volney mit Prof. David Naggara“, I wie Ikarus, 1979 (Milgram-Experiment)

Wer nun der einfachen Meinung ist, dass „die Anderen“ erst einmal aufhören oder aufgeben müssten agiert durch seine gewohnten Denk- und Verhaltensmuster fest entschlossen nach den Regelwerken der alten Ordnung und wird so zu ihrem gläubigen Anhänger.

Das will kaum jemand hören, weil man sich bereits der Rolle des „Opfer der Umstände“ bemächtigt hat, oder den starken Kämpfer mimt, wenn er jedoch nur „gemeinsam stark ist“ und man den „anderen“ geschlossen die Schuld für alles gibt.

„Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.“

Das hat man davon, wenn man sich – Tag ein Tag aus – von allerlei „billigem Klamauk“ die Birne vollstopfen lässt, damit das Denken weiter aus-, das automatisierte Agieren (Funktionieren) weiter bestehen und die Selbstreflektion nach wie vor ausgeschaltet bleibt.

Mit kollektivem Jammern (Demonstrieren, Protestieren) wurde noch nie etwas erreicht, weil es nur eine Scheinbeschäftigung darstellt – im Grunde alle Handlungen, die an ein Bittstellertum erinnern.

Und für alle, die gerne mit dem Knüppel mal so richtig „abziehen“ wollen, ein Zitat:

„Gewalt ist das Werkzeug der Unwissenden und ihren Gegnern.“

In der Serie „Foundation“ lautet es dazu: „Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen.“

Sicher bleiben in diesem Beitrag einige Fragen unbeantwortet. Das ist Absicht. Denn es geht darum sich wieder dem Prozess des Denkens nicht nur kurz zu nähern, sondern ihn wieder dauerhaft zu aktivieren, was trotzdem nicht bezahlt wird.

Nachtrag:
Der Gedanke, irgendwann die „richtigen gerechten Vorgesetzten“ mit ihren für alle „geltenden gerechten Gesetzen“ vor sich zu haben, ist nur ein Irrglaube.
Es geht auch nicht darum, die Geschichte und ihre Details so zu vervollständigen, dass sie eines Tages über „die Wahrheit“ berichtet. Das wird sie nicht, da sie stets aus der Sicht der Rolle der Gewinner“ geschrieben ist. Und das ist letztlich auch vollkommen gleich. Denn „Gewinner“ und „Verlierer“ verfügen über die gleichen wesentlichen Denk- und Verhaltensmuster, die für die wiederkehrenden dokumentierten Erscheinungen verantwortlich sind.
Es ist also vollkommen „Wurst“, wie die Kekse hießen, wer sie buk und woher das Getreide kam, die von einer Magd zum Tee gereicht wurden, kurz vor dem „Prager Fenstersturz“. Das ist nur – belohnte – Beschäftigungstherapie.

Hinweis 1:
Mit der Infragestellung des Systems (der alten Ordnung) findet das ganze Tamtam sein Ende.

Hinweis 2:
Jetzt ist die Zeit, das gegebene und alles, was bisher ungeprüft angenommen wurde, in der Vorstellung, dass es ja schon immer so gewesen sei, nicht nur zu hinterfragen, und dann versuchen, so weiter zu machen, wie bisher, in der irrigen Annahme, man müsse, wenn das Heute nicht mehr funktioniert, nur weit genug nach hinten schauen, um etwas zu finden, um es dann wiederholen zu wollen. Das wird jedoch nicht mehr der Fall sein. Sich nach vorne zu entwickeln bedeutet, das Bisherige loszulassen und nicht zu wiederholen.
Wer an dieser Stelle meint, dass man nun die Bevölkerung versklaven wolle, der irrt. Sie war bereits die ganze Zeit versklavt – zwar durch seine Denk- und Verhaltensmuster, Konventionen und Wertvorstellungen.

Hinweis 3:
Mit dem konventionell-traditionellen Lösungsansätzen und der Vorstellung, man müsse nur lange genug Gegenwehr an den Tag legen, kommt man nur bis an einen bestimmten Punkt: die Grenze des Systems der alten Ordnung. Krise ist dabei jener Zustand, wenn konventionelle Denk- und Verhaltensmuster zu keinem wirksamen Ergebnis mehr führen. Denn mit diesen, wird schließlich das System erzeugt und aufrecht gehalten. Somit besteht der letzte Schritt im Um- und Weiterdenken – über die eigenen Denk- und Verhaltensmuster und die des vermeintlichen Gegners hinaus.